Parthenon

Antikes Griechenland:
Die Phylenreform des Kleisthenes

von Björn Böhling

6.1.1. Politische Partizipation und Heeresdienst

Jeder Bürger war in Athen zum Kriegsdienst verpflichtet. Es herrschte eine Symbiose zwischen Dienst im Heer und politischer Partizipation [62]. Nur wer politische Rechte besaß, war ein Bürger und durfte/musste für die Polis kämpfen, und derjenige, der für die Polis kämpfte, hatte auch politische Rechte und war Bürger. Im Gegensatz zu modernen, neuzeitlichen Staaten gab es keine allgemeine Wehrpflicht, sondern umgekehrt, es waren nur diejenigen Menschen Bürger, die auch wehrfähig waren. So standen im Kampf alle aktiven Bürger Athens, also der ganze Staat, als Hopliten (Schwerbewaffnete) in der Schlachtreihe. Ausgeschlossen blieben zunächst nur die besitzlosen Theten, die außer der Teilnahme an der Volksversammlung und den Gerichten keine weiteren politischen Rechte besaßen, diese zunächst auch nur selten wahrnahmen und in Folge dessen im Selbstverständnis der athenischen Bürger nicht zur Phalanx gehörten, auch wenn diese dadurch zumindest zahlenmäßig stark vergrößert worden wäre[63].

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass der Kreis der wehrhaften Männer beschränkt war, da sich seine Größe aus deren wirtschaftlicher Lage ergab. Die politischen und militärischen Aufgaben und Rechte waren also von dem sozialen Status abhängig. Der Kriegsdienst blieb Vorrecht und zugleich auch Belastung der Besitzenden, weil sie ihre Waffen selbst stellten. Die militärisch entscheidendste Waffengattung bildeten die Hopliten in der Phalanx. Die Leichtbewaffneten und die Reiterei spielten nur eine geringe Rolle und rekrutierten sich aus den niederen Schichten, die meist nicht das Vollbürgerrecht hatten und sich die Waffen eines Hopliten nicht leisten konnten. Wir werden im Verlauf dieser Hausarbeit noch sehen, dass diese Schichten in einem anderen Teil des Militärs einen entscheidenden Platz einnahmen. Die Hopliten wurden in offiziellen Listen geführt und hatten eine Dienstzeitpflicht vom 20. bis zum 60. Lebensjahr. Es gab in Athen eine mehrjährige militärische Grundausbildung der angehenden Staatsbürger (Epheben), die allerdings erst im 4. Jh. qualitativ ausgebaut wurde und trotzdem nicht an die Erziehung der Jugendlichen in Sparta heranreichte. Vom Kriegsdienst befreit waren die augenblicklichen Beamten und Ratsherren.

Ein Milizheer hatte für die Athener mehr Vorteile, als dies eine Berufsarmee gebracht hätte. Rein finanztechnisch gesehen bedeutete das Milizheer eine kostengünstigere Alternative. Wichtiger war jedoch die ständige Verfügbarkeit des Heeres und, was wohl entscheidend für den Erfolg war, dass von jedem einzelnen Soldaten eine hohe Einsatzbereitschaft zu erwarten war, da der Kampf durch die Identifikation mit der Polis immer zu seiner eigenen, persönlichen Sache wurde. Diese Tatsache und das Selbstverständnis der Polisbürger, nämlich dass sie die Polis seien und sie deshalb nicht nur Söldner für die Polis kämpfen lassen könnten, überwogen die Argumente für ein Berufsheer. Dessen Vorteil wäre die Verfügbarkeit über erfahrene, professionelle Kämpfer gewesen. Außerdem hätte auf die militärischen Übungen verzichtet werden können, zu denen die Bürger aus wirtschaftlichen Gründen, z.B. wegen des Verdienstausfalles, nicht gerne bereit waren. Es gab zwar eine Aufwandsentschädigung, die jedoch nicht als Ersatz angesehen werden konnte[64].

[62] Zu den verschiedenen Kampftruppen, den Hopliten, der Reiterei, den Bogenschützen und den Leichtbewaffneten siehe Bleicken, J., S. 143. Zu den Voraussetzungen der Aufnahme als Vollbürger in die Polis, vgl. Ehrenberg, V., S. 59.

[63] Theten konnten sich die Ausrüstung eines Hopliten nicht leisten. Es war unmöglich, dass z.B. der Staat sie finanzierte. Das Recht, für die Polis zu kämpfen, musste sich jeder Bürger selber erarbeiten.

[64] Laut Jochen Bleicken betrug die Aufwandsentschädigung 3-4 Obolen, während schon der Tagesverdienst eines Handarbeiters bei 2-3 Obolen lag. Vgl. Bleicken, J., S. 142.
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