Parthenon

Antikes Griechenland:
Die Phylenreform des Kleisthenes

von Björn Böhling

6.1.2. Der Polemarchos und die zehn Strategen

Für die Aushebung und den Einsatz der Truppe war allein die Volksversammlung zuständig. Die Heeresleitung lag bei dem 501/00 eingeführten Kollegium der zehn Strategen, die vom Volk einzeln oder in Gruppen mit verschiedenen Aufgaben betraut wurden. „Oberbefehlshaber des gesamten Heeres war aber der Polemarchos“[65], schrieb Aristoteles noch zu der Reform des Kleisthenes. Im Kapitel über die neun Archonten kommt diese Aufgabe aber schon nicht mehr vor. Hier werden nur noch Verpflichtungen in Teilen der Gerichtsbarkeit und den Kulten angesprochen. Das bezeugt, dass das Prinzip der Teilung der Befugnisse auch diese überragenden Beamten, die Archonten, traf. Ein einziger militärischer Oberbefehlshaber passte nicht in das athenische Selbstverständnis von Bürgerbeteiligung bei allen Entschlüssen. Deswegen wurden dem Polemarchos mit der Zeit seine zentralen Aufgaben entzogen und sie auf mehrere Schultern, auf die Strategen und die Volksversammlung, gelegt. Spätestens nach der Schlacht von Marathon war er seiner militärischen Befugnisse gänzlich beraubt.

Die zehn Strategen ersetzten, wie schon oben erwähnt, die Phylarchen, die seit der Reform die Phylenkontingente kommandiert hatten. Sie waren also direkte Konsequenzen der Phylenreform. Außerdem sollte dadurch „die Effizienz der militärischen Organisation des Bürgerverbandes“ erhöht werden[66]. Wahrscheinlich reichten die Phylarchen aufgrund der kritischen außenpolitischen Situationen nicht mehr aus, und man brauchte stattdessen mehrere Kommandeure mit ausreichenden Kompetenzen zur Durchführung der militärischen Aktionen[67].

Wer Stratege werden wollte, musste in seiner Phyle zum Kandidaten gewählt werden, bevor ihn die Ekklesia, wenn sie ihn für die Aufgabe geeignet und würdig hielt, für das Amt bestimmte. Es gab die Möglichkeit der Wiederwahl und auch der kontinuierlichen Amtsführung. Dies waren Eigenschaften von Ämtern, die im damaligen Athen eine Ausnahmestellung bildeten und nur durch die Wichtigkeit der Ämter und den praktischen Nutzen erklärbar sind, da gerade die Rotation und das Fehlen der Kontinuität bei der Ämterbesetzung ein häufig gebräuchliches Mittel zur Sicherung der Demokratie war und verhindern sollte, dass eine Person mit der Zeit zu mächtig wurde. War ein Stratege erst einmal vom Volk gewählt, hatte er nicht nur das Kommando über seine eigene Phylenabteilung, sondern auch über die anderen, wenn dies für seine Aufgabe nötig war[68].

Allerdings waren die Feldherren nach heutigen Maßstäben unvorstellbar stark bei der Kriegsführung eingeschränkt, denn die Volksversammlung blieb auch während der Schlacht, wenn auch nicht örtlich anwesend, entscheidend und lenkte die militärischen Operationen. Die Problematik für die Strategen, die durch diese Befehlsabhängigkeit entstehen konnte, nämlich wenn sich die Befehle nicht mit den gegebenen oder sich plötzlich ändernden, militärischen Notwendigkeiten deckten, ist offensichtlich. Sie wurde allerdings noch verschärft, da die Strategen für ihre Handlungen vor dem Volk Rechenschaft ablegen mussten. Es drängt sich hierbei die Frage auf, wie sich Strategen in kniffligen Situationen entschieden haben – für das Risiko, verbunden mit einem möglichen, überragenden Erfolg oder für die sicherere Variante und damit auch für die eigene Sicherheit? Jedenfalls ist bekannt, dass einige nach Niederlagen gar nicht erst nach Athen zurückkamen, da sie eine Anklage und Tod oder Verbannung befürchteten. Nach der direkten Demokratie war Befehlsführung jedoch nicht grundlegend anders möglich, denn die militärischen Ämter waren natürlich in ihrer Macht ebenso beschränkt wie die zivilen. So ist es nur logisch, dass ein Stratege auch nicht einfach sein Amt so ausüben konnte, wie er es wollte.

Die Strategen waren zugleich militärische Oberbefehlshaber für Heer und Flotte sowie Politiker. Strategen waren später beispielsweise Sophokles oder der Historiker Thukydides. Sie „waren mehr oder weniger hervorragende Bürger und militärisch oft weder ausgebildet noch begabt.“, stellt Victor Ehrenberg fest[69]. Dies war möglich, weil grundsätzlich jeder Vollbürger zum Strategen gewählt werden konnte. Da die Volksversammlung für die Aushebung verantwortlich war, konnte es durchaus sein, dass diejenigen, die sich mit einem größeren Redegeschick und einer größeren Überzeugungskraft dem Volk präsentierten, dem unauffälligeren, auf militärische Fragen spezialisierten Fachmann, vorgezogen wurden. Wie groß konnte dann der Anteil der Strategen an den militärischen Erfolgen der athenischen Streitkräfte sein? Das lässt sich wohl nur anhand der einzelnen Biographien entscheiden. Sicher ist jedoch, dass wenigstens die Unterführer der verschiedenen Heeresabteilungen und Schiffsgeschwader eine militärische Karriere durchlaufen hatten, so dass fachliches Wissen in den Führungen wohl vorausgesetzt werden kann.

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[65] Aristoteles, AP 22,2.

[66] Welwei, K.-W., S. 22.

[67] Gemeint sind hier die Angriffe der Spartaner, Boioter und Chalkidier 506.

[68] Je nach Notwendigkeit und Aufgabe war ein Stratege oder eine Gruppe verantwortlich.

[69] Ehrenberg, V., S. 100.
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