Parthenon

Antikes Griechenland:
Die Phylenreform des Kleisthenes

von Björn Böhling

7.2. Der Ionische Aufstand in Kleinasien

Athens erste Intervention außerhalb der eigenen Landesgrenzen und in großer Entfernung vom attischen Festland geschah während des Ionischen Aufstandes.

Unter Aristagoras, dem Tyrannen von Milet, kam es 500-494 zum Aufstand der griechischen Städte Kleinasiens gegen die persische Oberhoheit. Die unter persischem Einfluss stehenden Tyrannen wurden abgesetzt[90].

„Zunächst legte er zum Schein die Alleinherrschaft nieder und schuf in Milet Gleichheit vor dem Gesetz, damit die Milesier völlig mit ihm zusammen [von den Persern] abfielen. Das gleiche versuchte er auch in anderen ionischen Städten. Er vertrieb einige Tyrannen ... [und] hatte .. die Absicht, sich in den Städten beliebt zu machen ... Das war also das Ende der Tyrannenzeit in den [ionischen] Städten.“[91]

Für den Kampf waren die Ionier auf Bundesgenossen dringend angewiesen, die sie im griechischen Mutterland suchten. 499/98 reiste Aristagoras nach Sparta und wurde wieder fortgeschickt[92]. In Athen durfte Aristagoras zur Ekklesia sprechen und hatte große Mühen, die Mehrheit für die Entsendung eines Kontingentes zu gewinnen. Warum die Volksversammlung im Endeffekt zustimmte, ist nicht nachvollziehbar. Eine Möglichkeit war die Tatsache, dass sich die Konfrontation mit den Persern in Ionien abspielen würde. Die ionischen Städte wären dann als Schutzschild, Grenzregion oder Puffer gegen die Perser gewollt. Vielleicht konnte sich Aristagoras durch eine mitreißende Rede vor der Ekklesia die Unterstützung Athens sichern[93], das sich mit 20 Pentekonteren (Fünfzigruderer) beteiligte. Neben Athen nahmen nur noch die Eretrier, um eine vergangene Schuld zu tilgen, mit fünf Trieren an dem Blitzfeldzug von ionischen Fußsoldaten nach Sardeis teil. Dort mussten sich die Griechen nach anfänglichen Erfolgen schnell zurückzuziehen und schwere Verluste erleiden. Während die Eretrier weiter an der Seite der Ionier kämpften, traten die athenischen Soldaten die Heimreise an. In der Folgezeit lehnte Athen jede weitere Beteiligung strikt ab, obwohl der Aufstand trotz der Niederlage erst 494 durch das Ende der belagerten Stadt Milet scheiterte. Ein Grund für das athenische Verhalten ist schwer zu geben. Bekannt ist das der Rückzug der Athener von Sardeis auf einen Befehl des Strategen Melanthios zurückzuführen war. Karl-Wilhelm Welwei gibt an, der Grund liege in dem Führungschaos bei den Aufständischen[94]. Warum nun aber Athen jede weitere Hilfe ablehnte, ist unbekannt[95].

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[90] Aristagoras hatte weitgehend persönliche Motive. Er hatte bis dahin den Perserkönig anerkannt, aber eine Expedition nach Naxos nicht erfolgreich beendet und musste nun mit Bestrafung rechnen (Zum Feldzug gegen Naxos und seiner Vorgeschichte siehe Herodot 5,30,2-5,35,2). Er wollte aber wohl auch selber in Ionien eine beherrschende Stellung gewinnen, und zudem fiel sein Vorschlag auf sehr fruchtbaren Boden. Die Unzufriedenheit der Griechen mit den Persern musste schon einen hohen Grad erreicht haben, so dass es nur noch einer Initialzündung bedurfte und die war Aristagoras. (U.a. mussten die Griechen für die Perser Streitkräfte stellen, Tribute leisten und der persische Karawanenhandel beeinträchtigte den ionischen Außenhandel.) Karl-Wilhelm Welwei gibt allerdings zu bedenken, dass die Vernetzung der wirtschaftlichen Zentren des weiträumigen Perserreiches den ionischen Handel nicht generell tangierte. An Stellen wie dem Hellespont, dem Bosporus und in Ägypten sei der griechische Handel sogar gestiegen. Es ist zu vermuten, dass die Einmischung der Perser einen psychologisch wirksamen Aspekt darstellte, der schon reichte, um eine Missstimmung bei den Griechen hervorzurufen.

[91] Herodot 5,37,2-5,38,2.

[92] Herodot verweist auch auf den langen Fußmarsch von drei Monaten bis zum Perserkönig als Grund für die Abweisung der Bitte durch Kleomenes I., vgl. Herodot 5,50,2 –5,50,3. Es besteht aber auch die Möglichkeit, dass die Spartaner die Persergefahr jetzt noch nicht allzu groß erachteten oder dass ihnen das Risiko zu groß war.

[93] Herodot spricht in 5,97,2 von der Einfachheit der Täuschung von mehreren als einem. Bei dem Hintergrund der Verfahren in der athenischen Volksversammlung ist dies durchaus nachvollziehbar, denn das Prinzip der direkten Demokratie machte es möglich, dass sich auch derjenige durchsetzte der nicht die besseren Argumente hatte, aber stattdessen das Volk mitreißen und auf seine Seite bringen konnte.

[94] Vgl. Welwei, K.-W., S. 30.

[95] Die heimkehrenden Athener berichteten von der großen Gefahr, der sie in Kleinasien entkommen waren. Es ist allerdings weniger glaubwürdig, dass Furcht der Grund für den Rückzug war, da man allgemein von einer Konfrontation mit den Persern in der Zukunft ausging.
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