Parthenon

Antikes Griechenland:
Die Phylenreform des Kleisthenes

von Björn Böhling

7.3. Die Landkriegsführung des Miltiades - Die Schlacht von Marathon

493 hatte Perserkönig Dareios die ionischen Küstenstädte, sowie die Inseln Chios, Lesbos und Tenedos zurückerobert und seine militärische Kraft auch gegen die Chersones und Propontis gerichtet. Als sich die feindlichen Schiffe näherten, hatte der Philaide Miltiades[96] der Jüngere fluchtartig seine Herrschaft auf Chersones verlassen und sich mit fünf Trieren nach Athen begeben. Miltiades, selbst athenischer Staatsbürger, hatte sich offenbar vom persischen Großkönig, dessen Lehensmann er gewesen war, gelöst, indem er sich am Ionischen Aufstand beteiligt hatte, eigenmächtig sein Herrschaftsgebiet um Lemnos erweitern wollte und die von ihm okkupierten Inseln an Athen übergeben hatte. „Als Treulosem drohte ihm Folterung, Verstümmelung oder Hinrichtung. Da gab er 494 seine Herrschaft auf und flüchtete zu Schiff nach Athen.“[97] Der Prozess, der in Athen gegen ihn wegen der Errichtung einer Tyrannis in Chersones angestrebt wurde, endete mit einem Freispruch durch das Volksgericht. So war Miltiades frei für die auf ihn wartenden Aufgaben.

Doch zunächst dehnte der Großkönig 492 durch Mardonios seine Herrschaft auf Thrakien und Makedonien aus, um den Landweg nach Athen freizumachen. Die Polis sollte für die Unterstützung der ionischen Städte bestraft werden. Informationen über die gewaltige Aufrüstung der persischen Flotte an der kleinasiatischen Küste drangen auch zu den Athenern, die dies als Kriegsvorbereitungen und gegen sich gerichtet interpretierten. Eine Gesandtschaft wurde daraufhin nach Sparta geschickt und erreichte ein Übereinkommen. Sparta fürchtete um seine Hegemonie, da die Möglichkeit bestand, dass Athen unterliegen und zu einem persischen Vasallen werden könnte. So verpflichtete es sich, im Falle eines persischen Angriffs Athen gegen Aigina abzuschirmen und Athen gegen die Perser zu unterstützen. Athen stand damals in dauernder Feindschaft mit den Aigineten, die über eine beachtliche Anzahl von Schiffen verfügten und von denen Athen erwartete, sie würden den Persern ein militärischen Stützpunkt direkt vor ihrer Haustür gewähren[98]. Das Abkommen soll auch auf Miltiades zurückzuführen sein[99]. Die Verteidigungsmaßnahmen in Athen hielten sich in Grenzen. Lediglich Miltiades wurde 490 zum Strategen gewählt.

Ebenfalls in diesem Jahr machten sich ca. 15.000 persische Infanteristen und einige hundert Reiter von Kilikien auf den Weg über das Meer[100]. Angeführt wurden sie von dem Meder Datis und Artaphernes[101]. Im Großen und Ganzen gab es auf dem Vormarsch über die Polis Naxos, die Kykladen und Euboia keine nennenswerten Verzögerungen. Nach der Einnahme Eretrias landeten sie in der Ebene von Marathon, um sich dort gegen Athen zu formieren.

Auf athenischer Seite waren die Geschehnisse beobachtet und diskutiert worden. Miltiades hatte kurzerhand die Initiative ergriffen und über Abwehrmaßnahmen verfügt. Schon bevor die Perser landeten, wurden die eigenen Streitkräfte zusammengerufen. Parallel konnte Miltiades mit dem Auszugsbeschluss eine begrenzte Zahl von Sklaven in die Phalanx als Hopliten aufnehmen[102] und einen Läufer nach Sparta senden mit der Bitte um Unterstützung[103]. Dem Volksbeschluss gemäß, der dem Antrag des Miltiades folgte, marschierte das 9.000-11.000 Mann starke athenische Hoplitenheer, unterstützt durch 600-800 Plataier, nur kurze Zeit nach der persischen Landung dem Feind entgegen, um den Vormarsch aufzuhalten[104]. Nach Herodot kam es zu Spannungen im Strategenkollegium. Miltiades und vier Kollegen traten für ein offensives Handeln ein, während die anderen fünf Strategen dagegen waren. Der amtierende Polemarchos Kalimachos, der wahrscheinlich wenigstens nominell noch den Oberbefehl hatte, weil hier das gesamte Heer beteiligt war, soll für Miltiades gestimmt und damit den Streit entschieden haben. Die vier Strategen hätten in den nächsten Tagen ihre Befehlsgewalt jeweils an Miltiades abgetreten, und er habe trotzdem noch mit dem Angriff gewartet, bis die Befehlsgewalt turnusgemäß bei ihm lag.

Die Athener verstärkten ihre Phalanx an den Flanken und legten die letzten Meter bis zum Feind in höchster Geschwindigkeit zurück, um der Gefahr der persischen Bogenschützen möglichst schnell zu entkommen. Im Nahkampf waren die gutgerüsteten Hopliten den leichtbewaffneten Gegnern überlegen und nur im Zentrum der Phalanx, die zur Stärkung der Flügel ausgedünnt werden musste, konnten die Perser Erfolge erzielen und die Athener zurückdrängen. Von der Beteiligung der gefürchteten persischen Kavallerie ist leider nichts bekannt, außer der Vermutung Christian Meiers, sie sei auf den Schiffen geblieben, um nach dem Auslaufen schnell gegen die Stadt Athen eingesetzt zu werden. Von den Flanken her gelang es den Athenern ihren Druck zu erhöhen und die Gegner zurückzudrängen. Zwar konnte die Einschiffung des größten Teils der persischen Streitmacht nicht verhindert werden, doch die Schlacht war gewonnen[105].

Die athenischen Hopliten erreichten ihre Stadt sogar noch vor der persischen Flotte, und konnten verhindern, dass die geschlagenen Perser die schutzlose Stadt angriffen, worauf diese sich in Richtung Kleinasien entfernten. Es starben 190 athenische Bürger, ein Stratege, der Polemarchos und 6.400 Perser[106], allerdings ist die letzte Zahl wohl stark übertrieben.

Zum Schicksal des zum Volkshelden erhobenen Strategen Miltiades bleibt noch zu erwähnen, dass er ein unrühmliches Ende fand, als er an den Folgen einer Verwundung starb, nachdem die Athener ihm eine Flotte mit Blankovollmacht stellten, und er die Insel Paros nicht erobern konnte[107]. In Athen wurde er wegen Täuschung der Athener angeklagt[108], konnte aber vor Schwäche nicht einmal mehr Rechenschaft ablegen. Die Todesstrafe wurde wegen seiner Verdienste in eine sehr hohe Geldstrafe umgewandelt.

[96] Zu Miltiades, bzw. den Philaiden siehe auch: Die Genealogie der Philaiden, in: Kinzl, Konrad: Miltiades-Forschungen, Wien 1968, S. 1ff und Stanton, G.R., S. 195ff.

[97] Schachermeyer, F., S. 27.

[98] Allerdings besaßen die Aigineten wohl nur Pentekonteren, die mit der späteren Machtstellung der Trieren unbrauchbar wurden. Sparta ließ sich von Aigina Geiseln stellen und übergab diese Athen. Damit hatten die Athener ein Faustpfand gegen die Aigineten. „Nun mussten diese die Plünderungen, mit denen sie bisher Attikas Küsten heimzusuchen beliebten, unterlassen.“ (Schachermeyer, F., S. 29.)

[99] Vgl. Schachermeyer, F., S. 28.

[100] Die Zahlen stammen aus Welwei, K.-W.: Das Klassische Athen, und sind vor dem Hintergrund des späteren athenischen Sieges wohl auch zumindest realistisch. Im Gegensatz dazu spricht Meier von 800 Reitern, 25.000 Fußsoldaten und einer Gesamtstärke des Expeditionskorps von ca. 90.000 Mann, vgl. Meier, C., S. 247.

[101] Sohn des Artaphernes des Satrapen von Sardeis und zugleich Neffe des Großkönigs Dareios.

[102] Wahrscheinlich war dies nur ein beschränkter Kreis von Sklaven, die ihren Herren schon als Träger und Diener in Schlachten gefolgt waren.

[103] Dem Boten wurde von Seiten der Spartaner mitgeteilt, sie würden mit 2.000 Hopliten zu Hilfe kommen, allerdings erst nach altem Brauch nach dem nächsten Vollmond (Vgl. Herodot 6,105,1-6,107,1). So kam es, dass die Spartaner erst zwei Tage nach Vollmond in Athen eintrafen zu einem Zeitpunkt, als die Entscheidung bereits gefallen war. Inwieweit dieser religiöse Brauch unbedingt einzuhalten war, ist fragwürdig. Fakt ist allerdings, dass es keine politischen oder militärischen Gründe für die Verzögerung gab, zumal Athen mit einer sofortigen Hilfe rechnete und laut C. Meier hoffte, die Spartaner würden doch noch über ihren Schatten springen. Es drängt sich die Annahme auf, dass die Perser mit Absicht diesen Zeitpunkt zum Angriff wählten, um Athen zu isolieren. Teilweise wird der Name Hippias als Informant ins Spiel gebracht, den Großkönig Dareios immer noch als Tyrannen in Athen wiedereinsetzen wollte, vgl. Herodot 6,102, Meier, C., S. 248f, Schachermeyer, F., S. 21, 29.

[104] Die Perser befanden sich hauptsächlich am Schoinia-Strand, während die Athener das Gebiet vom Agrieliki bis zum Vrana-Tal sicherten und absperrten.

[105] Als Variante dieser Schlachtdarstellung gibt Fritz Schachermeyer (S. 30ff) eine von ihm favorisierte Möglichkeit an, die sich im Wesentlichen darauf bezieht, dass die sich in den Reihen der Perser befindlichen Ionier, den Athenern eine List der Perser und den damit verbundenen Abzug großer Teile der Invasionsarmee verraten hätten. Welwei greift dieses Argument auf (S. 36), entkräftet es aber, indem er eine Kommunikation zwischen Ioniern und Athenern diesbezüglich auf dem Schlachtfeld nicht für möglich hält. Seine Ansicht scheint plausibel, obwohl dadurch die Stellung des Miltiades bei den Kämpfen an Wert zunimmt, während Fritz Schachermeyer den Erfolg stärker auf fremde Hilfe zurückführt. Andere Autoren, wie z.B. Oswyn Murry, bejahen die Möglichkeit der ionischen Unterstützung, lassen aber außer Acht, wie diese Nachricht übermittelt worden sein könnte (vgl. Murry, O., S. 342). Das gleiche Gegenargument kann auch bei Herodot angewendet werden, der in 6,115,1-6,116,1 ein Gerücht einbringt, dem zu Folge die Alkmaioniden den Persern, als diese schon auf den Schiffen waren, durch ein Signal den Vorschlag gemacht hätten, nun gegen Athen zu segeln. Allerdings gibt Herodot zu, dass er diese Vermutung selbst nicht glauben könne, da die Alkmaioniden selbst die größten Tyrannenhasser seien (6,121,1-6,124,1).

[106] Vgl. Herodot 6,117,2.

[107] In der Literatur wird dies die Parosexpedition genannt.

[108] Er hatte der Volksversammlung wohl eine mühelose Unterwerfung versprochen.
Grichenland