Parthenon

Antikes Griechenland:
Die Phylenreform des Kleisthenes

von Björn Böhling

8. Schlussfolgerungen und Ergebnisse

Zum Abschluss dieses schriftlichen Referates soll nun zur Fragestellung zurückgefunden und Ergebnisse formuliert werden. Kleisthenes von Athen konnte seine Reform nur deshalb so erfolgreich auf den Weg bringen, weil andere die Vorarbeit geleistet hatten. Solon hatte begonnen, die Macht des Adels zu beschneiden und dem Volk erstmals die Möglichkeit der Einflussnahme gegeben. Vielmehr noch hatte er den Samen für etwas gesät, aus dem später das Polisbewusstsein erwachsen sollte. Dieser zarte Keim entwickelte sich langsam, doch am Ende war vielen Athenern klar, dass es um ihre Polis ging. Es war nicht mehr das Land des beherrschenden Adels, einer kleinen Gruppe, sondern es gehörte dem ganzen Demos. Unter der peisistratidischen Herrschaft konnte sich dieser Keimling entwickeln. Wenn dies auch eine lange Zeit brauchte, so war er doch geschützt vor adligen Restaurationsversuchen. Seit den nachsolonischen Machtkämpfen war klar, wie bedroht die Ordnung war und wie leicht das Rad zurückgedreht werden konnte. Dies geschah nicht zuletzt durch die Tyrannis selbst, denn nun stand wieder ein Adliger an der Spitze. Zum Glück für das Volk, und später für Kleisthenes, sah Peisistratos Vorteile in der Ordnung und behielt sie bei. Während das Volk sich beteiligen konnte, gab es für die adligen Konkurrenten keine Möglichkeit. In den 50 Jahren konnte der Adel lernen, seine Ansprüche zu verringern und sich den Gegebenheiten anpassen. Ob die Aristokraten wohl selbst noch wussten, wie es eine Generation vor ihnen ausgesehen hatte und wie sie sich durchsetzen konnten? Offenbar hatten sie dies schon verlernt, denn schon oft hatten die Alkmaioniden die Machtergreifung versucht, doch immer waren sie kläglich gescheitert, nicht fähig sich gegen die aristokratische Konkurrenz durchzusetzen. Auch die Möglichkeit, aus dem Exil zurückzukommen und sich gegen den Tyrannen Hippias durchzusetzen, war nur durch die Hilfe des Spartanerkönigs zustande gekommen. Die Wendung zum Volk hin gab im Endeffekt den Ausschlag für die eigene Etablierung und die Durchführung der Phylenreform. Nur welche Motive hatte Kleisthenes?

In erster Linie dürfte wohl der eigene Nutzen stehen, dicht gefolgt von der Sorge um die Polis. Der Klan der Alkmaioniden hatte lange genug auf diesen Moment warten müssen und immer darauf hin gearbeitet. Macht und Einfluss waren nun zum Greifen nahe und nur noch Isagoras stand dazwischen. Durch die Hinwendung zum Volk konnte Kleisthenes zwei Ziele gleichzeitig verfolgen. Erstens gelang es, die Adelsrivalitäten, welche die Polis schon einmal fast zerstört hatten, zu beenden, wodurch auch die Gefahr einer weiteren Oligarchie gehemmt wurde, und zweitens wurde die Polis militärisch gestärkt. Besonders dieser Punkt ist von größter Wichtigkeit. M.E. kann Kleisthenes nicht unterstellt werden, seine Reform sei ausschließlich für das Wohl des Volkes entstanden und hatte das Ziel eine Demokratie für das allgemeine Wohl zu installieren. Das Gegenteil war der Fall. Kleisthenes sah die großen Bedrohungen, die auf die Polis zukamen. Vor allem die Schutzlosigkeit aufgrund des Fehlens einer militärischen Ordnung war offensichtlich. Es galt also einen Weg zu finden, möglichst viele Bürger an der Verteidigung zu beteiligen. Kleisthenes gab dem Volk politische Rechte und forderte dafür militärische Gegenleistungen, d.h. er gab dem Volk politische Partizipation und Isonomie und das Volk trat militärisch mit seiner ganzen Kraft für die Polis und für Kleisthenes ein. Es erscheint wie ein Vertrag zu beiderseitigen Nutzen und Verpflichtungen.

Natürlich sicherte sich Kleisthenes dadurch ein großes Stück Einfluss, Macht und Prestige und drängte andere Adlige ins Abseits. Er musste dafür bestehende Herrschaftsverhältnisse zerstören, doch hätte er dies zum Ziel gehabt, dann wäre die Tyrannis die logische Konsequenz gewesen, die er allerdings nach heutigem Forschungsstand nie anstrebte.

Dass und wie die Phylenreform erst die Möglichkeit der Aushebung der Soldaten schuf und gleichzeitig die Möglichkeit zur Partizipation einleitete, ist im Kapitel über die Reform schon eindeutig beschrieben worden und braucht hier nicht mehr weiter angeführt zu werden. Die Phylenreform war das Bindeglied zwischen Militär und Politik. Ohne sie hätte es weder das Eine noch das Andere gegeben. Aus diesem Grund muss hier allen widersprochen werden, die in der Reform entweder eine rein militärische, oder eine rein demokratische Umstrukturierung sehen. Beides ist eng und unzertrennlich verknüpft. Der einzige Unterschied besteht darin, dass Kleisthenes m.E. zuerst das Ziel hatte, die Polis zu sichern und dies mit demokratischen Rechten verband.

Da hier nicht untersucht wurde, inwieweit die Bürger ihre politischen Rechte nutzten, d.h. inwieweit es sich wirklich um eine Demokratie handelte, sondern das Militärische im Vordergrund stand, wird hier auch nur das konstatiert und zwar anhand der auf die Reform folgenden Kriege und Schlachten. Wenn man auch aufgrund der Vorkommnisse von 506 noch nicht von einem glanzvollen Sieg sprechen kann[109], so hatten sich die Athener in der kurzen Zeit wieder wehrhaft gemacht und sich eindrucksvoll in Griechenland Gehör verschafft. Herodot beschreibt den Sieg von 506 und findet die richtige Erklärung für den Zusammenhang von militärischer und demokratischer Macht:

„Die Athener waren stark geworden. Das bürgerliche Recht des freien Wortes für alle ist eben in jeder Hinsicht, wie es sich zeigt, etwas Wertvolles. Denn als die Athener von Tyrannen beherrscht wurden, waren sie keinem einzigen ihrer Nachbarn im Kriege überlegen ... während jetzt nach ihrer Befreiung ein jeder eifrig für sich selbst schaffte.“[110]

Es war auch schon möglich, militärisch am Ionischen Aufstand in Kleinasien mitzuwirken, allerdings ist eine Bewertung nur soweit möglich, dass die Athener jetzt so innerlich erstarkt und selbstbewusst waren, dass sie sogar die entferntesten Geschehnisse wahrnahmen und intervenierten, da, wie beschrieben, eine Begründung für den Abbruch der Mission nicht existiert. Bei der Schlacht von Marathon konnten die athenischen Hopliten unter Miltiades d. Jüngeren die als unbezwingbar geltenden Perser ohne nennenswerte Hilfe schlagen. Das athenische Bürgerheer, also die Gemeinschaft aller Athener, hatte sich bewährt und seine Kraft bezeugt. Marathon wurde zum Symbol der Stärke der Polis, der Ordnung und der Demokratie. Schließlich gelang den Athenern bei Salamis mit anderen griechischen Staaten der grandiose Seesieg gegen Persien.

Diese Erfolge hätten ohne die Phylenreform nicht stattgefunden. Miltiades hätte keine 10.000 Hopliten führen können, und Themistokles hätte weder die Flotte bauen noch bemannen können. Er hätte sich nicht mit seiner Idee durchgesetzt, denn schließlich gelang ihm der Flottenbau nur durch die Mehrheit in der Volkversammlung, die er durch die Theten erlangte. Anhand des Themistokles wird eine Linie erkennbar, die auf Kleisthenes zurückführt. Themistokles bediente sich ähnlich wie Kleisthenes des Volkes für seine Ziele und zugleich zum Wohl der Polis. Er war auf die Theten angewiesen und konnte sie mobilisieren. Sie ließen sich von ihm für den Ruderdienst einsetzen, und er gab ihnen dafür ein Selbstbewusstsein, das sie in der Folgezeit ausbauten, wodurch sie zu einem wahren und aktiven Teil der Polis wurden.

Außenpolitisch zerstörte die Neugliederung das Gefüge der bestehenden Poliswelt. Sparta sah seine Hegemonie gefährdet und versuchte durch militärische Interventionen die Reformen zu verhindern. Athen wandte sich an die Perser, um Unterstützung gegen Sparta zu bekommen. Soweit hatte sich bis dato noch keine Polis vorgewagt. So wie sich die politische Partizipation erweiterte, so erweiterte sich offenbar auch der Horizont der Athener. Die Blicke schweiften jetzt weit über die Polisgrenzen hinaus, und der Drang, auch dort Einfluss auszuüben, wurde stärker. Christian Meier bezeichnet die Situation treffend mit den Worten: „Es ist ... [als wäre] mit der tiefgreifenden Veränderung der größten Polis in Griechenland alles im Ägäisraum in Bewegung geraten ... Und in allem wirkte der Schwung des Neuanfangs“.[111]

[109] Immerhin löste sich der Peloponnesische Kampfverbund größtenteils selber auf.

[110] Herodot 5,78,1-5,79,1.

[111] Meier, C., S. 189.
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