Parthenon

Antikes Griechenland:
Die Phylenreform des Kleisthenes

von Björn Böhling

2.1. Solon und die Tyrannis der Peisistratiden

Die Peisistratiden behielten die formale Ordnung, die Solon[3] den Athenern gegeben hatte, weitgehend bei, d.h. Institutionen und Gesetze Solons behielten ihre Gültigkeit[4], und nutzen sie in dem Maß, wie sie für sie von Vorteil waren. Karl-Wilhelm Welwei fasst das Machtverhältnis zwischen Tyrannen und Beamten des Volkes mit folgenden Worten zusammen:

„Die Belange der Polis [wurden] unter den Tyrannen nicht von politisch aktiven Gruppen des Bürgerverbandes in freier Selbstbestimmung entschieden. So fanden zwar weiterhin Beamtenwahlen statt. Die Funktionsträger konnten aber im wesentlichen nur durch Ausübung ihrer Aufgaben in der Rechtspflege ihr Sozialprestige mehren. Politischen Handlungsspielraum hatten sie in der von den Tyrannen dominierten Polis selbstverständlich nicht“.[5]

Peisistratos[6] war als Tyrann keine Institution der Verfassung, besetzte zum Beispiel nicht das höchste Amt des Archonten[7] und stand somit gestützt auf seine militärische Macht und unabhängig neben der Ordnung, dirigierte und manipulierte sie. Solons Verfassung hatte sich gegen die Aristokratie gerichtet. Entweder der einzelne Adlige verlor seinen gesamten Einfluss, oder er machte sich zu einem führenden Mitstreiter des Demos[8]. So konnte sich Peisistratos, der für besonders volksfreundlich gehalten wurde, gegen seine Konkurrenten durchsetzen, indem er sich an die Spitze der diákriroi (Diakrier), der Bewohner des Hügellandes, stellte und durch sie genug Macht für die Etablierung der Tyrannis erhielt[9]. Der Tyrann selbst machte sich zum Verwalter und zur Exekutive der Polis, oder wie es Jochen Bleicken ausdrückt: Er machte sich „zum Vormund einer noch unmündigen Gesellschaft“[10], die mit ihrer Macht noch nicht umzugehen verstand. Der Tyrann wurde von der großen Masse stillschweigend geduldet. Paradox klingt dies, wenn man bedenkt, dass gerade diejenigen, die Solon an der Polis beteiligen wollte, von denen er die Beteiligung auch einforderte, dass genau diese Athener sich jetzt freiwillig unter die Herrschaft eines Einzelnen begaben. Relativiert wird dies allerdings durch die Sehnsucht nach innerem Frieden. Die nachsolonischen Adelskämpfe, in die sich nun auch die Bürger einschalteten, um für ihre Rechte zu kämpfen, brachten Elend und Leid mit sich, und eine politische Beteiligung in Solons Sinne war durch die Wirren auch nicht zustande gekommen. Außerdem bedeutete die Zeit der Tyrannis eine Blütezeit für Attika[11].

Während der Tyrannenherrschaft konnte die athenische Bürgerschaft das solonische Werk, geschützt durch die Tyrannis und trotz der Abstriche bei der Macht des Volkes, verinnerlichen, wodurch es zu einer Selbstverständlichkeit im Leben wurde. Der Adel wurde 50 Jahre lang von der politischen Macht distanziert, die sozialen Bindungen der Geschlechter ruhten, und er hatte somit genug Zeit, sich an die neuen Verhältnisse zu gewöhnen und sie akzeptieren zu lernen. Eine Rückkehr zur Adelsherrschaft war damit in sehr weite Ferne gerückt. Dies wurde an den Geschehnissen von 510 besonders deutlich, doch zunächst gilt es, die chronologische Abfolge zu beachten. Denn schon zu Beginn der peisistratidischen Herrschaft hatte sich eine Adelsfamilie um die Macht in Attika bemüht. Der Alkmaionide Megakles[12] hatte sich auf die Seite der parálioi (Paralier), der Küstenbewohner, gestellt und galt, laut Aristoteles, am ehesten als Verfechter einer mittleren Verfassung, während die Bewohner der Ebene, die pediakoí (Pedieis), unter ihrem Führer Lykurg die Oligarchie anstrebten[13]. Uta Kron sieht den Hauptgrund für die Niederlage des Megakles in seiner ständig wechselnden Bündnispolitik[14]. Nach dem Fehlschlag der Koalition zwischen Megakles und Peisistratos folgte somit nicht ohne Mitverschulden der Alkmaioniden ihre Verbannung, als Peisistratos sich letztendlich als Tyrann behaupten konnte. Kleisthenes, der Sohn des Megakles, musste von da an seine oppositionelle Politik aus dem Exil betreiben. 525/24 bekleidete er aber wahrscheinlich das Amt des Archonten. Anzunehmen ist, dass die Söhne des Peisistratos, Hippias und Hipparchos, nach seinem Tod zur Machtsicherung einen Kompromiss mit den höchsten Adelgeschlechtern anstrebten und die Alkmaioniden aus dem Grund zurückkehren und das hohe Amt besetzen konnten.

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[3] Siehe dazu u.a. Aristoteles, AP 5-12, Bleicken, Jochen: Die athenische Demokratie, Paderborn u.a. 19954, S. 24ff.

[4] Es gab z.B. weiterhin die Ämter der Archonten u.a. Falsch wäre es aber an dieser Stelle zu vermuten, der Tyrann habe aus Liebe zum Volk an dem bestehenden System festgehalten. Das würde ihn und seine Funktion ad absurdum führen, da er sich gerade aus dem Grund zum Tyrannen machte, um über das Volk zu herrschen und nicht sich ihm zu unterstellen. Das bestehende Gefüge konnte er dafür besonders gut für sich nutzen, denn wenn die Menschen etwas zu tun hatten, wenn sie eingespannt waren, dann dachten sie weniger über das nach, was ihnen fehlte. Der Tyrann musste das Leben der Menschen nur kontrollieren und ggf. handeln, wenn es sich trotzdem einmal gegen ihn richtete.

[5] Welwei, Karl-Wilhelm: Das klassische Athen, Demokratie und Machtpolitik im 5. und 4. Jahrhundert, Darmstadt 1999, S. 5.

[6] Peisistratos, Sohn des Hippokrates und vor 600 geboren, war von höchstem Adel, vor 561 Polemarchos gegen Megara und daraufhin Mitglied des Areopags. Er verstarb 527, nachdem er eine Tyrannis in Athen eingerichtet hatte, zwar mehrfach vertrieben worden war, doch sich schließlich mit brutaler Gewalt die Heimkehr nach Athen erkämpft hatte und fortan dort lebte. (Kinzl, Konrad: Peisistratos, in: DNP Bd. 9, Sp. 483f.)

[7] Im Allgemeinen war Archon die Bezeichnung für alle Inhaber von Ämtern, doch der Begriff wurde häufiger auch als Titel eines besonderen Amtes benutzt, zumindest ursprünglich für das höchste Staatsamt. In Athen gab es ab 683/82 drei bestellte höchste Beamte: 1. Archon als ziviles Staatsoberhaupt, 2. Polemarchos als militärischer Kommandeur und 3. Basileus als religiöses Oberhaupt. Später kamen noch die sechs Thesmotheten als Gerichtsbeamte und ihr Sekretär hinzu. (Rhodes, Peter: Archontes, in: DNP Bd. 1, Sp. 1026ff.

[8] Im Wortsinn bedeutet ‚demos’ Volk und konnte entweder die gesamte Bürgerschaft einer Gemeinde bezeichnen oder nur die ‚gewöhnlichen Leute’ im Unterschied zu den privilegierteren Mitgliedern. Der Begriff diente auch zur Benennung der Versammlung der Bürgerschaft. (Rhodes, Peter: Demos, in: DNP Bd. 3, Sp. 463ff.)

[9] Zur Herrschaft der Peisistratiden siehe Bleicken, J., S. 32-41.

[10] Bleicken, J., S. 39.

[11] Unter den Peisistratiden herrschten drei Jahrzehnte Ruhe und innerer Frieden. Günstige Bedingungen für Landwirtschaft und Gewerbe wurden geschaffen und durch die Bodenertragssteuer die finanziellen Ressourcen konzentriert. Laut Aristoteles, AP 16,2, verwaltete Peisistratos „das Gemeinwesen maßvoll und mehr zum Nutzen der Polis als auf tyrannische Art und Weise.“ In Kap. 16,7 nennt er „die Tyrannis des Peisistratos ... [das] (goldene) Zeitalter unter Kronos.“

[12] Zu der Familie der Alkmaioniden vgl. Stanton, G.R.: Athenian Politics c. 800-500 BC, A Sourcebook, London/New York 1994, S. 200ff; Herodot; Feiz, Josef (Hrsg.): Herodot Historien, Bd. 1 und 2, München 1963, 6,125,1-6,132,1.

[13] Vgl. Aristoteles, AP 13,4. Zu den Verbindungen zwischen den Führern der parálioi, den pediakoí und den diákriroi, ihren Anhängern und der Lokalisierung in Attika siehe Lewis, D.M.: Cleisthenes and Attica, in: Historia, Bd. 12, 1963, S. 23f.

[14] Vgl. Kron, Uta: Die zehn attischen Phylenheroen, Geschichte, Mythos, Kult und Darstellungen,

in: Mitteilungen des Deutschen Archäologischen Instituts, Athenische Abteilung, 5. Beiheft, Berlin 1976, S. 15.
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