Parthenon

Antikes Griechenland:
Die Phylenreform des Kleisthenes

von Björn Böhling

2.2. Die alkmaionidische Machtübernahme

Erst nach der Ermordung des Hipparchos wurde die Atmosphäre wieder gespannter und die Alkmaioniden wieder verbannt, bis 510 die peisistratidische Tyrannis schließlich beendet werden konnte. Sie erreichten die Unterstützung der Spartaner[15], nachdem sie eine Rückkehr aus eigenen Kräften nicht geschafft hatten. Im zweiten Versuch konnte schließlich durch den Spartanerkönig Kleomenes I. der Tyrann Hippias eingeschlossen und zur Aufgabe gedrängt werden[16].

Nach der Abdankung des Tyrannen flammten die Adelskämpfe erneut auf. Zwischen dem Alkmaioniden Kleisthenes und dem Sohn des Teisandros, Isagoras, „der ein Freund der Tyrannen war“[17], dessen Herkunft aber auch nicht Herodot näher bestimmen konnte, abgesehen von der Äußerung, Isagoras käme aus angesehenem Hause, kam es zum Kampf um die Zukunft Athens. Beide stützen sich zunächst auf adlige Freundschaftsgruppen und Anhänger, sog. Hetairien. Isagoras wollte die Restauration der Adelsherrschaft und konnte sich 509/08 einen Vorteil verschaffen. Er wurde, gestützt auf seine Hetairien, in der Ekklesia (Volksversammlung) zum Archonten für das kommende Jahr gewählt[18]. Kleisthenes wandte sich daraufhin dem Volk zu, wollte es als Bundesgenossen gewinnen und schuf die Phylenreform. Uta Kron nennt dies einen politischen Gesinnungswandel[19], diese Ansicht teilt auch Herodot, denn er sagt, dass Kleisthenes die Reform durchführte, „Nachdem er das von ihm früher abgelehnte Volk der Athener gänzlich auf seine Seite gebracht hatte“[20]. Daraus lässt sich auf das Verhältnis zwischen ihm und dem Volk vor der Reform schließen. Durch die Reformabsichten konnte er vor allem Zeugiten und Theten zu seiner Hetairie gewinnen, d.h. die unteren Besitzklassen und somit die breite Masse des Volkes.

Karl-Wilhelm Welwei vermutet, dass Isagoras das Archontat schon angetreten hatte, als Kleisthenes der Volksversammlung seine Pläne als Privatmann unterbreitete. Wahrscheinlich bekam letzterer nicht die Sondervollmachten, wie einst Solon, sondern wurde Vorsitzender einer Kommission, die eine für die Volksversammlung beschlussfähige Vorlage der Reform erarbeiten sollte, der dann 508/07 zugestimmt werden konnte.

Durch den Zuspruch für ihn und seine Reformvorschläge seitens des Volkes, sah sich Isagoras zum Handeln gezwungen. Er bediente sich dabei des Königs Kleomenes I. von Sparta, der ja gerade erst die Athener von der Tyrannis befreit hatte. Aristoteles beschreibt, wie sich die Bürger Athens gegen diese neue Bedrohung wehrten:

„Kleisthenes entfloh, bevor Kleomenes mit geringer Heeresmacht ankam und siebenhundert athenische Familien vertrieb. Im Anschluß an diese Maßnahme versuchte er, den Rat aufzulösen und Isagoras mit dreihundert seiner Anhänger als Herren des Staates einzusetzen. Als aber der Rat Widerstand leistete und auch die Menge sich versammelte, flohen diejenigen, die zu Kleomenes und Isagoras gehörten, auf die Akropolis. Das Volk ließ sich davor nieder und belagerte sie zwei Tage lang; am dritten Tag ließen sie Kleomenes und alle seine Leute mit ihm im Schutze eines Waffenstillstandes abziehen, Kleisthenes aber und die anderen Flüchtlinge riefen sie zurück. Das Volk errang also die Kontrolle über das Staatswesen, und Kleisthenes stand als Führer des Volkes an seiner Spitze.“[21]

Weshalb Kleomenes I. nun auf einmal Isagoras unterstützte, ist noch immer rätselhaft[22].

Welwei erklärt, der „Widerstand, der sich bald darauf gegen Kleomenes I. und Isagoras erhob, wurde von der Boulé organisiert.“[23] Daraus lässt sich erkennen, dass Kleisthenes damals nicht nur durch eine bestimmte Gruppe unterstützt wurde, da dem Rat der 400 nicht nur die Pentakosimedimnoi[24], sondern auch Hippeis und Zeugiten angehörten. Das Verhalten der Bürger zeigte die eindeutige Parteinahme zugunsten des volksfreundlichen Kleisthenes und seiner Reform und die Ablehnung einer oligarchischen oder aristokratischen Herrschaft, wie sie Isagoras anstrebte, der den Rat auflösen und mit 300 seiner Gefolgsleute besetzen wollte.

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[15] Vgl. dazu Herodot 5,64,1-5,65,3.

[16] Siehe Aristoteles, AP 19; Vgl. auch Kron, Uta, 1976, S. 15f. Zum ersten Versuch der Spartaner siehe Herodot 5,63,1-5,63,4.

[17] Aristoteles, AP 20,1.

[18] Da Kleisthenes vermutlich schon vorher, wie oben angezeigt, das Amt des Archonten inne hatte, konnte er nicht persönlich noch einmal kandidieren. Sehr wahrscheinlich ist aber, dass er ein Familienmitglied für diese Beamtenstelle favorisiert hatte, das Amt so für den Klan und somit auch seine Machtausübung besetzen wollte.

[19] Vgl. Kron, U., S. 16.

[20] Herodot 5,69,2.

[21] Aristoteles, AP 20,3-20,4. Diese Passage wird von Herodot 5,72,2-5,73,1, allerdings mit bunten Details versehen, unterstützt.

[22] Die Literatur verweist bei dieser Besonderheit des Seitenwechsels des Kleomenes I. auf seine inzwischen entstandene Freundschaft zum Hause des Isagoras. Wie und warum die Loslösung von den Alkmaioniden geschah, ist nicht überliefert, und es fehlen Lösungsansätze.

[23] Welwei, K.-W., S. 5.

[24] Zu den Pentakosimedimnoi, Hippeis und Zeugiten siehe unten die Fußnote 31.
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