Parthenon

Antikes Griechenland:
Die Phylenreform des Kleisthenes

von Björn Böhling

3.1. Motive des Kleisthenes

Die Motive des Kleisthenes werden, wie schon in der Einleitung angesprochen, in der Forschung kontrovers diskutiert. Hier wird ebenfalls die Frage, inwieweit Kleisthenes die Reform für sich oder für das Volk einführen wollte, erörtert. Im Vordergrund stehen aber weitgehend militärische Motive, die natürlich Auswirkungen auf die innen- und außenpolitische Gesamtlage hatten.

In Athen „gab [es] kein Rekrutierungssystem für die Aushebung von Schwerbewaffneten und Reiter im Kriegsfall.“[25] Vor der Tyrannis der Peisistratiden besaßen die einzelnen Adelshäuser ihre eigene Aushebungspraxis. Ein von Solon geschaffenes System ist nicht bekannt, und es hätte auf keinen Fall die Wirren nach seiner Zeit nicht überstanden. Die Peisistratiden hatten sehr wahrscheinlich eine eigene oder auch gar keine Rekrutierungsordnung, da sie sich auf Söldner stützten. Sehr wahrscheinlich waren die Athener nach der Tyrannis ohne eine militärische Ordnung[26] und deswegen nicht nur auf ausländische Hilfe angewiesen, sondern auch schutzlos. Folgende Gefahren bedrohten zu der Zeit die Polis: Kleomenes I. sann nach der Vertreibung auf Rache und sollte mit einem Aufgebot des Peloponnesischen Bundes zurückkehren, die Chalkidier von Osten her angreifen, der Boiotische Bund wollte Plataiai wieder eingliedern, und außerdem existierte das riesige, bedrohliche Perserreich im Osten. Athen befand sich in einer außenpolitisch und militärisch schwierigen Lage, während die Gegner des Kleisthenes nur darauf warteten, das geschwächte Athen wieder zu übernehmen. Die Gefahr der Restauration der Tyrannis war immer noch durch die Peisistratiden[27], ihre Anhänger und jede andere adlige Familie gegeben. Erneute Adelskämpfe hätten die Polis endgültig zerreißen und zerstören können. Somit hätten aber auch die Alkmaioniden ihren gerade gewonnen Einfluss wieder verloren[28].

Wie wir sehen, stehen bei den angeführten Motiven militärische Gründe und der Adel mit seinen für die Polis gefährlichen Machtkämpfen im Mittelpunkt[29]. Die Ziele waren deshalb die Schaffung einer Militärverfassung, welche die Masse der Schwer- und Leichtbewaffneten aus den drei Vermögensklassen[30] erfassen, ausheben, aktivieren, sie entsprechend ihres Bewusstseins und Selbstverständnisses als Polisbürger einsetzen konnte und die Neutralisierung des Machtstrebens des Adels durch Einbeziehung desselben.

In den nächsten Kapiteln wird erörtert, wie Kleisthenes diese Ziele umsetzte, doch zunächst ist noch die Meinung des Volkes zu betrachten, für das und unter dessen Schutz er die Reform durchführte.

[25] Bleicken, J., S. 41.

[26] Kleomenes I. hatte man nicht durch ein reguläres Heer vertrieben, sondern eher durch „lockere Haufen“ (Bleicken, J., S. 42).

[27] Peisistratos war bekanntlich mehrmals erfolgreich vertrieben worden und daraufhin doch wieder zur Macht gelangt.

[28] Zur Erinnerung: Die Alkmaioniden hatten sich nie aus eigener Kraft gegen die anderen Adligen durchsetzen können und waren immer unterlegen.

[29] Auf egoistische Ziele des Kleisthenes, wie in der Literatur teilweise erwähnt, wird hier nicht mehr eingegangen, da diese Vorwürfe m.E. nicht eindeutig genug sind. So wird z.B. bei der folgenden Phylenstruktur in der Forschung bemerkt, Kleisthenes habe sie so geschaffen, dass seine Familie in mehreren Teilen vertreten war. Dies setzt aber Informationen über den Wohnort des Kleisthenes voraus, welche die Literatur schuldig bleibt. Sehr wohl richtig und zu beachten ist, dass Kleisthenes durch diese Reform sowohl seine Anhängerschaft vergrößerte, als auch die Rivalen im Adel entmachtete und seiner Familie allein Prestige und Ansehen sicherte. Allerdings geschah dies ohne den praktikablen Gewinn an Einfluss und Macht wie z.B. in der Tyrannis, denn das Führen des Staates gab er ab, es lag nun in den Händen des Volkes.

[30] Timokratie Solons: 1. „500 Scheffler – Pentakosimédimnoi“ = reichste Grundbesitzer mit mehr als 500 Scheffel an festen und flüssigen Erträgen, 2. „300 Scheffler – Hippeis“ = Reiter, Ritter mit 300 Scheffel, 3. „200 oder 150 Scheffler – Zeugiten“, (4. Besitzlose – Theten). Es muss dabei beachtet werden, dass die Übergänge zwischen den Vermögensstufen fließend waren.
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