Parthenon

Antikes Griechenland:
Die Phylenreform des Kleisthenes

von Björn Böhling

3.2. Motive des Volkes bei der Parteinahme für Kleisthenes

Die Bürgerschaft hatte einen triftigen Grund, für Kleisthenes zu votieren. An erster Stelle stand der Wunsch der Athener, sich politisch neu zu organisieren, um die Möglichkeit der Adelseinmischung für immer auszuschließen. Christian Meier beschreibt, dass die ersten drei Zensusklassen nicht an Hunger oder dem Mangel an anderen materiellen Werten litten. Aber

„die Willkür, die ... [das Volk] von den Adligen Herren zu ... [ertragen hatte], deren Hochmut, deren Bestreben auf Vorrang ... [führten zu einer] Ungleichheit [, die] als eine andere Not empf.[u]nden [wurde]: als Ungerechtigkeit.“[31]

Ohne Zweifel lag dem ein starkes Selbstbewusstsein zugrunde. Offenbar nahmen die Athener die Polis nun als politische Einheit (bestehend aus dem Zentrum Athen und jedem einzelnen Bürger) wahr, um die sich jeder Bürger zu kümmern hatte und deren Fortbestehen ihnen sinnvoll erschien. Verinnerlichung und Polisbewusstsein sind die Schlagwörter, mit denen sich dieser Wandel beschreiben lässt. Zum zweiten Mal nach Solon bot sich hier eine Alternative zur Adelsherrschaft, die nun erkannt wurde und für die es lohnte, sich einzusetzen[32]. Dass jedem Athener die Tragweite der kleisthenischen Vorschläge zu der Zeit klar war, muss eher verneint werden, denn es darf nicht vergessen werden, dass sich der Staat in einer Krisensituation befand. Einsichtig für die Bürger waren aber die von Kleisthenes und Isagoras gegebenen Perspektiven; auf der einen Seite die Möglichkeit der politischen Mitbestimmung, auf der anderen die Aussicht auf Adelsherrschaft, wie man sie schon erlebt hatte. Aufgrund der Ereignisse wird deutlich, dass die Bürger dies diskutiert haben müssen und sich bewusst gegen Tyrannis, Oligarchie oder Aristokratie stellten und bewusst für etwas Besseres stimmten, das sie schon von Solon her kannten und dessen Verwirklichung sie nun erhofften.

Die Tatsache, dass Athen nach wenigen Jahren ein schlagkräftiges Heer ins Feld schicken konnte, beweist, dass die Wiederaufrüstung der entsprechenden Bevölkerungsteile recht zügig nach dem Ende der Tyrannis eingesetzt haben muss. Schon 506 konnten die Athener so die Boioter und Chalkidier besiegen. In der Zeit der Adelskämpfe nach dem Ende der Tyrannis muss es also einen breiten Konsens, etwas wie eine allgemeine Aufbruchsstimmung, gegeben haben, die auch fraktionsübergreifend war, denn die Wehrhaftmachung konnte kaum über die Köpfe der Bürger geschehen sein und hätte bei einer breiten Ablehnung auch nicht zu den militärischen Erfolgen geführt. Vielleicht ist es dieser Aufbruchsstimmung zuzuschreiben, dass Kleisthenes am Ende relativ problemlos seine Reform durchsetzen konnte und seine Gegner nichts entgegenzusetzen hatten. Eine Gegenreform gab es nicht. Seine Reformvorschläge fielen also konkurrenzlos auf fruchtbaren Boden.

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[31] Meier, Christian: Athen, Ein Neubeginn der Weltgeschichte, München 1995, S. 185.

[32] Bisher hatte sich die breite Masse nicht zu Aufständen gegen die Machthaber durchgerungen, denn das Ergebnis wäre ja doch nur eine neue Variante des Beherrschtwerdens gewesen.
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