Parthenon

Antikes Griechenland:
Die Phylenreform des Kleisthenes

von Björn Böhling

4.1. Gegebenheiten und Phylenneukonstruktion

Laut Aristoteles schuf der Alkmaionide Kleisthenes 508/507 die fällige Reform. Sehr wahrscheinlich ist aber, bei der Betrachtung der Komplexität und der tiefen Eingriffe in die athenische Gesellschaft, dass sie mehrere Jahre beanspruchte. Sie war nicht nur, wie im Folgenden dargestellt wird, eine Umstrukturierung Attikas, sondern parallel dazu eine Veränderung der Bedingungen, „unter denen in Athen politisches Handeln möglich war.“[33]

Bisher waren die Athener nach Personenverbänden in den vier solonischen Phylen[34] und nach Phratrien[35] organisiert. Jede Phyle besaß einen Phylobasileus an der Spitze, bestand aus drei Trittyes und zwölf Naukrarien. Je 100 Männer entsandte jede Phyle in den Rat der 400 (boul?).

Kleisthenes ersetzte die personale Ordnung durch eine lokale. Er schuf zehn neue geographische Bezirke, die wiederum Phylen hießen[36]. Dabei kam es zu einer Mischung der Gebiete Attikas in jeder Phyle, denn „er wollte ... [die Bürger] untereinander vermischen, damit mehr von ihnen an der Ausübung der politischen Macht Anteil nehmen könnten.“[37] Jede Phyle beinhaltete von nun an drei zusammengeloste Trittyes[38], von denen jede Trittys aus einem der drei Landschaftsteilen Attikas, der Stadt (ásty, Athen und das Umland im Umkreis von ca. zehn Kilometern mit der dortigen Küste), dem Binnenland (mesógaion, das im Norden an Boiotien grenzte) und dem Küstenland (paralía, die Regionen am Meer mit Ausnahme des ásty-Gebietes) bestand. Das hatte zur Folge, dass die Phylen keine zusammenhängenden geographischen Gebiete mehr waren, sondern sich über ganz Attika erstreckten. Jede Phyle repräsentierte so alle Bürger von Athen, gleich ob sie nun im Zentrum, in Athen selbst, oder an den entferntesten Grenzen wohnten. Alle waren so an den politischen Gremien mit demselben Status beteiligt und bildeten gleichsam den Staat der Athener (Isonomie)[39].

Aus den Phylen wurden wie bisher die Ratsleute (Buleuten), jetzt in den Rat der 500, entsandt. Zudem kamen aus den Phylen die neun Archonten, der Schreiber der Thesmotheten und später auch die Richter der Geschworenenhöfe sowie andere zahlreiche Beamtenkollegien. Außerdem stellte jede Phyle einen Strategen und ein Regiment von ca. 1.000 Hopliten, sowie Reiter und Bogenschützen[40]. Dadurch konnte man das Heer überschauen, d.h. man wusste nun endlich wie viele Soldaten eigentlich zur Verfügung standen, wo sie sich befanden und konnte sie schnell zusammenrufen.

[33] Martin, Jochen: Von Kleisthenes zu Ephialtes, Zur Entstehung der athenischen Demokratie, in: Chiron, Bd. 4, 1974, S. 12.

[34] Jede Phyle war unterteilt in drei Trittyes zu je vier Naukrarien. Insgesamt gab es bei Solon also 4 Phylen, 12 Trittyes und 48 Naukrarien.

[35] Zu den Phratrien siehe unten Kapitel 4.3.

[36] Vgl. Herodot 5,66,2 und 5,69,2.

[37] Aristoteles, AP 21,2.

[38] Mehr Informationen zu den Namen und örtlichen Lagen der Trittyes liefert D.M. Lewis in seinem Aufsatz (siehe Lewis, D.M., S. 27ff).

[39] Es stellt sich die Frage, ob sich dieser Gleichheitsgedanke von der Theorie in die Praxis umsetzen ließ und ob wirklich die am entferntesten lebenden Athener sich an der Tagespolitik beteiligten, wenn nicht das Los auf sie viel und sie somit gezwungen wurden. Das anfängliche Politikinteresse ebbte jedoch nicht ab, und viele Bürger kehrten nicht in ihre altes Leben zurück. Es scheint, als wäre die Polis zu einer wirklichen Privatangelegenheit geworden.

[40] Die ersten Dienstgrade unter den Strategen waren die Taxiarchen, welche die Hopliten anführten. Außerdem standen Hipparchen und Phylarchen, die bis zur Schaffung der Strategenämter ca. 501/00 noch die Abteilungen der Phylen kommandiert hatten, der Reiterei vor.
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