Parthenon

Antikes Griechenland:
Die Phylenreform des Kleisthenes

von Björn Böhling

4.3. Dörfer und kleine Städte – Die Demen

Die dritte und kleinste Struktureinheit unter den Phylen und Trittyes waren die Demen. Alle Demen einer Trittys bildeten, mit den Ausnahmen der Enklaven, ein zusammenhängendes Gebiet. In den kleinen, gewachsenen Dörfern und Städten spielte sich das eigentliche Leben der Menschen ab. Dort wurden sie registriert und verwaltet[45]. Ihre wichtigsten Aufgaben lagen in der Selbstverwaltung der Gemeinde, der Pflege der lokalen Kulte, dem Erhalt der Gebäude, der Aufnahme der Erwachsenen in die Bürgerschaft und der Führung von Bürgerlisten. Außerdem mussten geeignete Demoten für die politischen Gremien (wie z.B. für den Rat der 500) vorgeschlagen, gewählt oder gelost werden.

Während Phylen und Trittyes den Bürger in Griechenland mehr politisch aktivieren als ein Gemeinschaftsleben bilden sollten und übergreifende Organisationen waren, obwohl sie auch eigene Verwaltungen besaßen und die Phylen zudem auch noch eigene Kulte veranstalteten, bildete der einzelne Demos die demographische Grundeinheit Attikas. Kleisthenes richtete 139 Demen ein[46] und verteilte sie so auf die Trittyes, dass in jeder Trittys ungefähr gleich viele männliche Erwachsene waren. Da die Demen verschieden groß waren, hatte die Trittyes eine unterschiedliche Anzahl an Demen, die nötig war, um zu einer gleichen Anzahl der Bürger in den Trittyes und Phylen zu kommen. Kleisthenes sorgte dafür, dass die Demenmitglieder fortan den Demennamen als Teil ihres eigenen führten. Die Demenzugehörigkeit definierte nun also die Person[47].

Dies stand im Gegensatz zu der bisher geltenden Verfahrensweise. Vorher war der Athener abhängig von einem adligen Haus oder Angehöriger eines Personenverbandes, wie der Phratrie, wurde dadurch identifiziert und zu einem attischen Bürger. Die Phratrie, als personale Ordnung, sollte den Stamm oder die Phyle nach dem gentilizischen Prinzip an die einzelne Familien binden, da sie mehrere Familien zusammenfasste und alle Phratrien den Stamm bildeten. Durch die Phratrien beherrschten die adligen Familien in der Aristokratie die freien und unfreien Bewohner Attikas. Wichtige Aufgaben lagen in den Kulten, deren Zugang nur über die Adligen möglich war und in der Rechtsprechung, die jedem „Patron“ gegenüber seiner „Klientel“ oblag. Zusammenfassend gesagt: Die Macht der Adligen beruhte auf Monopolen „der Kontrolle des Bürgerrechts, ... [des] Rechtsschutz[es] und [der] Rechtssprechung, auf dem Besitz von Kulten und ... der wirtschaftlichen“ Kraft[48].

Durch die Demen wurde diese Abhängigkeit gekappt, was zu einer starken Abwertung der Phratrien führte. Sie waren für die Bürger nicht mehr die wichtigste Instanz, und wie Jochen Martin berichtet, entstand in den kleinen lokalen Einheiten sogar ein starkes Selbstbewusstsein, das den Zusammenhalt eines jeden Demos noch steigerte. Zu Kleisthenes und den Demen schrieb Aristoteles:

„er verband ... die in jedem Demos Wohnhaften miteinander zu Demenmitgliedern, damit sie nicht mehr durch Verwendung des Vatersnamen die Neubürger bloßstellten, sondern sich nach ihren Demen nannten; deshalb benennen sich die Athener nach ihren Demen. Er setzte auch Demarchoi ein, die dieselbe Aufgabe wie die früher amtierenden Naukraroi hatten; denn er setzte die Demen an die Stelle der Naukrarien. Er verlieh den Demen Namen, die teils von ihrer Lage, teils von ihren Gründern abgeleitet waren; denn nicht mehr alle befanden sich noch in ihren ursprünglichen Orten.“[49]

Dabei verbot Kleisthenes nicht die weitere Mitgliedschaft in den Gene[50], den Phratrien und Priesterschaften. Auf kultischem Gebiet blieben sie weiterhin bedeutend, obwohl sich wegen des Verlustes an politischem Gewicht viele auflösten, da sich die nun den Adligen gleichgestellten Bürger in eigenen Personenverbänden organisierten. Die übrigen Phratrien waren nur noch ein Verbund von Menschen, die durch Kulte und Traditionen zusammengehalten wurden. Nicht mehr die fiktive Zugehörigkeit zu einem beherrschenden Adligen, sondern der Wohnort definierte die Menschen. Eine Zugehörigkeit zu einer Phratrie[51] blieb neben der Demenzugehörigkeit aber die Voraussetzung für die Staatsbürgerschaft.

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[45] Jochen Bleicken vergleicht die Demen treffend mit den Kreisen und kreisfreien Städten unserer Zeit (vgl. Bleicken, J., S. 185). An der Spitze der Demoten (Angehörige des Demos; auch dêmótês) stand der Demarchos als Gemeindevorsteher, der von allen jährlich gewählt und später erlost wurde. Er war oberster Verwaltungschef (führte u.a. die Demoslisten, Listen über die für den Ruderdienst verfügbaren Demengenossen, leitete die Demenversammlungen) und besaß auch polizeiliche Aufgaben. Neben ihm existierten weitere Beamte. Vgl. Murry, Oswyn: Das frühe Griechenland, München 19863, S. 334ff.

[46] Bei dem Begriff ‚einrichten’ muss beachtet werden, dass Kleisthenes natürlich nicht 139 Siedlungen und Dörfer neu gegründet hat. Diese gab es auch schon vor seiner Zeit. Er änderte nur deren Einordnung in die Strukturen der Phylen. D.M. Lewis unterstützt diese These, in dem er sagt: „Obviously, there were centres of population before Cleisthenes. Cleisthenes gave them corporate existence by making demotai and demarchoi.“ (Lewis, D.M., S. 26) Die Zahl der Demen hat sich wahrscheinlich nach Kleisthenes durch Siedlungsaktivitäten verändert. In den Demen wohnten je nach Größe hundert, mehrere hundert oder auch tausend Athener.

[47] Früher war dies in besonderer Form den Adligen vorbehalten. Nur der Adlige bekam eine politische Identität, da er das Recht besaß, seinen Namen durch den des Vaters zu ergänzen.

[48] Martin, Jochen, S. 9.

[49] Aristoteles, AP 21,4-21,5.

[50] Gens (pl. gentes) ist ein Verband mehrerer Familien, die denselben Namen haben und ihren Zusammenhang auf die gemeinschaftliche Abstammung gründen. Sie besitzen eigene Kulte und Traditionen. (Kübler: Gens, in: RE Bd. 7, Sp. 1176.

[51] Als letzte wichtige Aufgabe beließ Kleisthenes den Phratrien das Recht, die Kinder im Alter von vier bis fünf Jahren in die Familien aufzunehmen. Die Aufnahmezeremonie war eng mit den Apturien (Hauptfest der Phratrien) verbunden und konnte nicht von ihnen getrennt werden. Die Einführung der Jugendlichen als Bürger in die Polis blieb allerdings den Demen vorbehalten.
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